Reisender
Der Mann mit dem roten und gelben Schuh
Der Tütenmaler
Der Hutmaler
König der Herzen
Vater von Lucy und Serafina
Ein Sonderling?
Thitz also. Dieser Mann lebt mitten im urschwäbischen Ort Winterbach, in einer der reichsten Gegenden Deutschlands nahe Stuttgart, wo man a klois Fabrikle sein eigen nennt und der Nachbar, dem das halbe Tal gehört, in seinem alten Bauernhaus lebt. Schwäbisches Understatement, gepaart mit Sparsamkeit und Fleiß. Bei meinem Besuch erfüllen sich in den zehn Minuten, in denen ich die kleine Straße suche, alle Vorurteile einer Fränkin gegen Schwaben. Eine Frau schrubbt ihre Mülltonne, ein kleines Mädchen mit kleinem Besen übt selbstvergessen das Straßenkehren. Die Nachbarin putzt mit Hingabe ihre saubere Treppe. Dazwischen plötzlich ein Haus mit bunten Ziegeln, über die eine riesige Schnecke kriecht. Davor ein Auto, auf das überdimensionale rote und gelbe Socken geklebt sind. Das muss es sein. Ich klingle. Thitz begrüßt mich kurz mit etwas abwesendem Blick, murmelt etwas von einer Maus, verschwindet wieder im Innern, lässt aber die Haustüre ein Stückchen offen. Ich folge ihm, an roten und gelben Turnschuhen vorbei in ein Haus, das auf den ersten Blick aussieht, als hätten sich Pippi Langstrumpf und Antonio Gaudi zusammen getan.
Über dem Esstisch hängt eine wunderschöne Glaslampe, das Spülbecken steht im Raum und ist mit einem Mosaik verziert, von Tassen winken seltsame Figuren, die ich auf den Bildern wieder finde. Überall Bilder. Eines zeigt eine der berühmten Straßen von New York. Es ist noch viel lauter, wilder und bunter als in der Realität. Aus allen Fenstern rufen und winken Gestalten mit riesigen Augen, die wie überdimensionale Brillen quer über das Gesicht reichen. Aus dem Bild ragen an mehreren Stellen seltsame Schlaufen heraus, die sich beim Hinsehen als Tütengriffe entpuppen. Während ich schaue und staune und immer mehr Details entdecke, versucht Thitz eine winzige Maus von einem Klebestreifen zu entfernen, in dem sich das Tierchen verfangen hat. Es gelingt, aber die Maus wirkt sehr mitgenommen und Thitz sieht plötzlich ein wenig traurig aus. Was wird wohl Lucy dazu sagen, wenn sie aus der Schule kommt. Seine erst geborene Tochter, deren Geburt in all seinen Biografien erwähnt wird .
Was hat das ganze mit der Kunst von Thitz zu tun? Diese Frage hat mich bei ihm mehr beschäftigt als bei allen anderen Künstlern, über die ich gesprochen oder geschrieben habe. Wie sehr beeinflusst das Leben mit den Kindern - vor einem Jahr wurde Serafina geboren - seine Kunst? Hätte er sich auch ohne sie diesen kindlichen unvoreingenommenen Blick auf die Welt erhalten? Seinen Mut zum Spaß, zum Verrücktsein. Ich denke, das hätte er. Er hat den Jungen, der er war, nie aufgegeben. Er hatte sich damals die Freiheit erkämpft, mit zwei verschieden farbigen Socken in die Schule zu gehen. Diese Freiheit lässt er sich nicht nehmen. Aber um noch einmal auf seine Töchter und seine Frau Katharina zu kommen, die auch Künstlerin ist. Das Leben und Arbeiten in dieser Familie scheint so eng miteinander verwoben, dass nicht erkennbar ist, wer oder was wen oder was beeinflusst. Wichtig ist das Miteinander und dass jeder seinen Platz hat. Und genau das spiegelt sich in seinen Arbeiten wieder. Auch dort hat jeder seinen Platz.
Um die Thitz Welt zu begreifen, gehen wir an den Anfang zurück. Während des Studiums an der Akademie in Stuttgart probiert Thitz vieles aus. Immer auf der Suche nach etwas ganz Neuem, was es bis dahin noch nicht gegeben hat. Ihm ist klar, dass das aus ihm selbst kommen müsse. Weil es keine zwei identischen Menschen auf der Welt gibt, würde ihm das die Sicherheit geben, dass niemand sonst auf die gleiche Idee käme. Was aus ihm selbst kommt ist zunächst einmal ein großes Interesse an der Welt und an den Menschen. Sein Humor. Seine Fähigkeit, unvoreingenommen an die Dinge heran zu gehen, sich einen Spaß zu erlauben. Wir haben in diesem Zusammenhang über den Begriff Naivität geredet. Der ist besetzt, sagt Thitz als so etwas wie geistig unterbemittelt. Dabei wäre es schön, wenn wir das Naive als Zugang zum tiefen Geistigen pflegen würden. In diesem Sinne ist Thitz naiv.
Er stellt sich und uns viele Fragen über diese Welt. Diese Fragen sind alle in seinen Bildern, manche offensichtlich, manche verborgen wie in einem Suchbild. Dabei macht er es uns nicht leicht. Je tiefer man in diese bunte und laute Welt eindringt, umso undurchdringlicher wird sie. Ein Dschungel an Eindrücken. Und dabei ist es nur ein Teil dessen, was Thitz auf seinen vielen Reisen in alle Welt in sich aufgenommen hat. Dieses Chaos an Eindrücken muss er bändigen, bis es darstellbar ist und in seinen Bildern, Installationen und Filmen gezeigt werden kann. Weil er nämlich mit den Menschen, mit Ihnen und mir über seine Eindrücke und Gedanken kommunizieren will. Wer seine schier überfließenden Bilder betrachtet, mag sich kaum vorstellen, wie es in seinem Kopf aussieht, wenn diese Fülle schon gebändigt ist.
Zurück zum Begriff des Chaos.
Es ist, wie gesagt, nicht das totale, sondern das gebändigte. Thitz nennt seine Arbeitsweise System der chaotischen Annäherung, entwickelt hat er es bereits in seiner Studienzeit. Was das genau bedeutet ist schwierig zu erklären. Ein wichtiges Prinzip dieses Systems ist, sich nicht festzulegen, sich keiner vorgegebenen Logik zu unterwerfen. Sondern frei zu sein, um sich wie ein Baum beim Wachsen immer wieder neu zu orientieren und dem natürlichen Impuls zu folgen. Ein anderes Prinzip ist, sich so wenig wie möglich einschränken zu lassen, schon gar nicht durch Material. So kam Thitz 1986 auf die Tüte. Dazu gibt es zwei Geschichten. Eine hat er mir erzählt, eine andere habe ich in einem Text über ihn gefunden. Nach der ersten Version findet Thitz 1986 auf dem Sperrmüll in Stuttgart einen Stapel Bäckertüten. Er nimmt sie mit nach Hause. Als er kurz darauf nach Schweden reist und kein Skizzenbuch zur Hand hat, nimmt er die Tüten mit. Thitz empfindet es als Erleichterung, sich nicht mehr für ein bestimmtes Papier oder Format entscheiden zu müssen, es lässt sich angenehm darauf arbeiten und ihm gefällt die Doppeldeutigkeit, man könnte auch sagen Doppelbödigkeit dieses Alltagsgegenstandes.
Man kann in einer Tüte etwas transportieren oder verstecken, im wahrsten wie im übertragenen Sinn. Sie ist etwas Alltägliches und doch Wichtiges und wird auf der ganzen Welt gebraucht. Die Tüte als globaler Gegenstand, der immer mit Menschen zu tun hat und die Kultur des Alltäglichen widerspiegelt. Menschen tragen nicht nur etwas darin, sie zeigen damit auch ihren Stil. Mit einer Aldi-Tüte in der Hand würden Sie nie ein gutes Restaurant betreten, mit einer von Rene Lezard oder Jil Sander könnten sie zeigen, ich gehöre dazu. Wenn Thitz als Reporter auf Reisen ist, nimmt er Tüten mit, um seine Erinnerungen zu transportieren. Aus dieser Erinnerung entstehen zu Hause Bilder, die ihrerseits die Erinnerungen transportieren. So schließt sich der Kreis. Es entstanden ganze Tütenkollektionen, große Rauminstallationen, die in bekannten Museen ausgestellt werden. Die Tüten tauchen immer wieder in seinen Gemälden auf oder dienen als Druckvorlage.
Thitz will die Welt begreifen. Er hat viele Fragen: Was ist die Welt überhaupt? Wer sind wir? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen allen Menschen? Thitz will wirklich Antworten. Aus diesem Bedürfnis entstand der Kunst-Politik-Dialog. Er schickte Politikern gemalte Fragen. Nicht wenige antworteten, Björn Engholm beispielsweise schickte er das Fragebild Two ways out? Der antwortete auf einem Papier aus dem Watergate Hotel: no way out. Auch seine Reisen dienen dem Zweck des Erkennens und Begreifens. Überall interessiert Thitz der Mensch. Wo immer er sich aufhält, im Cafe, im Bus, im Park skizziert er die Typen um sich herum. Er schaut genau hin: Welchen Gesichtsausdruck haben sie, wie laufen sie, wie reden sie miteinander. Er hat eine riesige Sammlung von Typen, die in seinen Bildern immer wieder auftauchen.
Wer genau hinsieht, entdeckt in den Bildern einen schlacksigen Kerl mit einem roten und gelben Schuh. Oft hat er einen Pinsel in der Hand. Es ist der Maler selbst. Damit knüpft Thitz einerseits an eine alte Künstler-Tradition an. Schon Botticelli, Dürer oder Rembrandt haben sich einst in ihren Bildern verewigt. Bei Thitz kommt noch ein zweiter Aspekt dazu: Da er in seinen Bildern seine eigene, die Thitz Welt erschafft, gehört er natürlich auch hinein.
Seit einigen Jahren hat diese Thitz Welt eine regelrechte Fangemeinde. Die Welt will seine Welt sehen. In diesem turbulenten Herbst beispielsweise hat er Ausstellungen in Athen, Istanbul, Zürich, München, Köln, Mallorca .... und dazwischen auch in Schweinfurt.
Die Schweinfurter Ausstellung konzentriert sich auf Papierarbeiten von 1996 bis heute. Darunter übermalte Siebdrucke, so genannte Jet-Prints. Dabei wird ein gemaltes Bild am Pc bearbeitet und dann in einem speziellen Verfahren gedruckt, oft dienen Tüten als Druckvorlage. Wir sehen übermalte Siebdrucke und Originalaquarelle.
Keiner malt Aquarelle wir Thitz. In der rechten Hand hat er einen Pinsel, links eine Rohrfeder, damit arbeitet er gleichzeitig. Das flächige mit dem Pinsel, das zeichnerische mit der Feder. Das Malerische bringt Ruhe aufs Blatt, das Zeichnerische ist unruhig, wild, lebendig. Orientiert sich am Eindruck im Moment des Sehens. Thitz will wiedergeben, was er in diesem Moment empfindet. Das hat etwas Impressionistisches an sich. Der Versuch, das unglaubliche des Erlebens darzustellen. Und die eigene Sicht der Welt mit hineinzubringen.
Eines wollen Sie sicher noch wissen. Was heißt Thitz? Es ist sein Spitzname aus Kindertagen, den ihm seine Schwester gegeben hat.
..... Vor ein paar Tagen habe ich über einen Künstler gelesen, der auch einen ungewöhnlichen Namen hat und sich auch mit Tüten beschäftigt hat. Er nennt sich Tal R., ein Däne, der erst 2005 angefangen hat, u.a. in Plastiktüten zu sammeln, was andere weg geworfen haben, um daraus Kunst zu machen. Inzwischen ist auch für ihn die Tüte Material und Metapher. Er sammelt Dinge und Ideen, bis die Tüte für eine Arbeit voll ist. Seine Tüte ist der Kopf. Das passt auch auf Thitz.
Katharina Winterhalter (Curator, Journalist)
Exhibition in Schweinfurt am 20. 11. 2007.
